Hochkarätige Besetzung und angeregte Diskussionen beim Themenabend zur Erinnerung im LBS-Foyer
Mainz, 3. November 2011. 140 Gäste waren am Mittwochabend ins Foyer der LBS Landesbauparkasse gekommen, um darüber zu diskutieren, was Erinnerung bedeutet, wie sie entsteht und wie sie bewahrt werden kann.
Ob Neurologie, Literaturwissenschaft, Kunst oder Architektur – verschiedene Disziplinen beschäftigen sich mit der Frage, wie wir Vergangenes bewahren und jederzeit abrufen können. „Oft über Orte und Räume, mit denen persönliche Erinnerungen verknüpft sind“, war die Antwort, die 140 interessierte Mainzer Bürger am Ende des öffentlichen Diskussionsforums in der LBS-Zentrale in Mainz – selbst ein Ort voller Erinnerungen an die jüdische Vergangenheit – darauf erhalten haben.
Zunächst referierten vier „Spitzenleute“, so ein Besucher, jeweils aus ihrer fachlichen Perspektive, was es mit dem Erinnern auf sich hat. Prof. Dr. Andreas Fellgiebel, Arzt und Psychiater an der Universitätsmedizin Mainz, erklärte den Gästen, wie ihr Gedächtnis funktioniert und verriet dabei auch ein paar Tricks, wie man es trainieren oder austricksen kann.
„Unser Gehirn verliert nichts“, so Fellgiebel. „Allerdings überschreiben wir die alten ständig mit neuen Erfahrungen und entwickeln somit unsere Erinnerungen immer weiter.“ Da kam im Publikum die kritische Frage auf: Was ist denn dann noch ursprünglich und echt an unseren Erinnerungen?
In die gleiche Kerbe schlug die Mainzer Kunsthistorikerin Prof. Dr. Elisabeth Oy-Marra mit Ihrer These, Bilder – insbesondere die scheinbar authentischen Fotografien – könnten niemals Träger kollektiver Erinnerung sein. Wie zum Beweis stellte sie die rhetorische Frage in den Raum: „Versuchen Sie nicht selbst oft, Ihre Erinnerung durch die Auswahl schöner Erinnerungsfotos zu steuern?“
Zwei konkurrierende Gedächtnisspeichermodelle stellte der dritte Referent an diesem Abend, der Germanist Prof. Dr. Günter Oesterle, vor: Entweder man erinnere sich anhand von Zuordnungen im Raum oder mithilfe einer inneren Zeitreise, die Erlebtes in der Erinnerung mit körperlichen Wahrnehmungen wie Düften, Atmosphäre oder Farben verknüpfe.
Für Jeden jederzeit greifbar und erlebbar wird Erinnerung in Gebäuden, belegen die architektonischen Beispiele von Mahn- und Denkmalen, die abschließend Manuel Herz, Architekt der neuen Mainzer Syagoge, den Gästen präsentierte. Architektur könne über Symbole, Fragmente oder bestimmte Baustile beispielsweise Traditionen und historische Geschehnisse „zitieren“. Die Mainzer Synagoge habe er jedoch explizit nicht als „Erinnerungsort“ gestaltet, so Herz. „Ich wollte, dass die Geschichte der Mainzer Juden den Bau formt.“ Und die sei stark verknüpft mit der Tradition des Schrifttums, also den Worten selbst, die folgerichtig den Grundriss der Anlage bilden.
Initiiert und moderiert wurde die Veranstaltung vom Historischen Seminar der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, vertreten durch Prof. Dr. Jörg Rogge, Leiter des Forschungsschwerpunktes Historische Kulturwissenschaften.


