Alsmann ist ein Archivwühler und Entdecker vor dem Herrn. Man darf ihn jedoch nicht mit einem dieser Briefmarkensammler verwechseln, die kostbare Fundstücke im Album horten und sie misstrauisch vor den Leuten verbergen. Nein, Götz lässt die angegrauten Lieder aufblühen, die er gefunden hat. Er holt sie aus dem Seniorenstift der Verlagsarchive, nimmt sie bei der Hand, geht mit ihnen in die Öffentlichkeit und sie beginnen zu leben. Sie recken sich, schmeißen ihre verstaubte Kruste ab und beginnen zu strahlen.
Jetzt denken Sie bestimmt, das sei Nostalgie. Überhaupt nicht. Götz Alsmann ist einfach „ein Freund altmodischer Musik", er liebt die „Jazzschlager". Schlager ist für ihn im übrigen ein weiter Begriff, er meint damit „alle Musik, die auf deutsch gesungen wird". Eine gewisse „Opulenz des Wortes" gehört für den Entertainer zwingend dazu, und diese bestimmte Jazzkomik, die sich aus Spielfreude, Wortwitz und der Lust an gewollten Brüchen nährt.
Seine Lieder raunen von Schuld, Sünde und Dunkelheit, wie das über eine Stripperin namens „Nana" und das titelgebende „Tabu!". Zur Erinnerung: „Tabu" war Murnaus letzter Film, der letzte große Stummfilm. Das Drama um verbotene Liebe und die Macht archaischer Rituale, 1931 auf Tahiti gedreht, bekam einen Oscar. Dann wieder wird es kuschelig beim "Kleinen Bär mit großen Ohren". Ob „Zuckerfee", englische Miss oder „tatarisches Mädchen", Götz verliert sein Herz gern und oft und natürlich jedes Mal für immer. Und dann diese Sehnsucht nach der großen Welt! Paris, Nizza, Hawaii, Portofino - Hauptsache „Weit weg von hier".
Letzteres haben Bill Ramsey und Chris Howland 1960 gesungen; Götz hat es auch einmal mit Howland in einer TV-Sendung vorgetragen. Andere Lieder sind wesentlich älter: "Der Schlangenbeschwörer" von 1937, das „Fräulein Mabel" hat Heinz Erhardt bereits in den 30ern geschrieben, das Titelstück "Tabu!" ist von 1935, „Nana" stammt aus den Mittfünfzigern. Oder die „Zuckerfee", besser bekannt als „Mambo de la fée-dragée": Musik von Tschaikowsky. Der deutsche Text von Duke Ellingtons „Caravan": geschrieben von Vater Siegel.
Ist es nicht verblüffend, wie gut diese Lieder – manche haben 70 Jahre auf dem Buckel und selbst die jungen Hüpfer unter ihnen sind jenseits der Vierzig – in unsere Zeit passen?
All die natürliche Energie, die Götz ausstrahlt, wenn er „Tabu!“ los wird, schwappt über ins Publikum und zieht alle in seinen Bann. Schnell ist vor lauter mitswingen vergessen, dass kein Getränkeausschank stattfindet und keine Blitzlichter erlaubt sind – aber mal ganz ehrlich: Das hätte auch wohl gestört!


